Garmarna
"6" April 2016
(CD 87319)
  
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"Hildegard von Bingen" Mai 2001
(CD 87081)
  
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  "Vedergällningen / Vergeltung" März 1999
(CD 87061)  
  "Gamen" - CD-Single + bonus- track + CD-R-Video - 1999 (CD 87069)

 
  "Guds Spelemän" - 1997
(CD 87046)   
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  "Vittrad" - 1995
(CD 87042)
     
  "Garmarna" - 1993/2003
(CD 87096)
     
 

Garmarna ist zurück. Offiziell aufgelöst hatte sich Schwedens wohl innovativste Electro-Folk-Band zwar nie, aber nach fünfzehn Jahren Albumpause war es doch eine große Überraschung, dass mit 6 jetzt ein neues, und - jawohl - das sechste Werk erscheint.

Zusammengefunden hatten sich die drei Gründer der Band, Stefan Bristand-Ferner, Gotte Ringqvist und Rickard Westman, schon vor mehr als 25 Jahren in der nordschwedischen Industriestadt Sundsvall - inspiriert, wenn man der Legende Glauben schenken darf, von einer Hamlet-Aufführung, die mit traditionellem schwedischen Liedgut begleitet worden war. Ihre eigenen Soundexperimente mündeten schließlich in einer Verquickung von Folk, mittelalterlichen Motiven und äußerst neuzeitlicher Technik. Unterstützt wurden sie schon bald vom Schlagzeuger Jens Höglin, und 1993, nachdem eine erste EP veröffentlicht worden war, stieß Emma Härdelin als Sängerin dazu.

In dieser Besetzung entstand das Debütalbum Vittrad, das meisterlich mittelalterliche Instrumente wie Drehleier und Laute mit Sequenzern und Sampling kombinierte. Der Erfolg blieb nicht aus: Vittrad wurde 1994 bei den schwedischen Grammis als bestes Folkalbum nominiert, und die Band bekam einen Vertrag bei dem amerikanischen Label Omnium und bei Westpark Music, das sich seitdem um die Veröffentlichungen in Europa kümmert. Guds Spelemän, der Nachfolger, erhielt den begehrten Folk-Grammi dann tatsächlich, und Garmarna absolvierten eine Reihe erfolgreicher Tourneen durch Europa und die USA.

Auf dem Album Hildegard von Bingen setzte sich Garmarna mit den Texten der Mystikerin auseinander, wieder - nachdem die Band zuvor mit Rock- und TripHop-Elementen experimentiert hatte - stark geprägt von Mittelalter-Elektronik-Elementen. Ihre Tourneen führten sie 2001 sogar nach Japan. Und dann wurde es plötzlich still um die Band. Andere Interessen, andere Verpflichtungen rückten in den Vordergrund, und die fünf Musiker beschlossen, Garmarna eine Weile ruhen zu lassen.

Aus dieser Weile wurden schließlich über zehn Jahre. Emma Härderlin arbeitete mit anderen Bands, vor allem dem Folk-Trio Triakel, und auch Garmarnas hauptsächlicher Songwriter, Stefan Brisland-Ferner, arbeitete weiter als Profimusiker, während sich die übrigen Mitglieder anderen Dingen widmeten. Man blieb in Kontakt, und ganz allmählich fanden die fünf Bandmitglieder wieder zurück zur Musik. Auf den einen oder anderen Gig folgte im September 2013 ein fulminanter Auftritt als Headliner bei einem Festival in Selb. Danach war allen Beteiligten klar: Es war an der Zeit für neues Material.

Nach einem Jahr konzentrierter Arbeit in Stefans eigenem Studio in Stockholm, aber auch in den vertrauten Nevo-Studios in Sundsvall, in denen die Band schon vor fünfzehn Jahren gearbeitet hatte, nahm das Album 6 Gestalt an: Während der langen Auszeit hatten sich so viele Ideen angesammelt, dass beinahe doppelt so viele Songs entstanden, als tatsächlich auf der Platte Platz fanden.

Noch immer lebt Garmarnas Musik von der Reibung zwischen Tradition und Moderne. "Över gränsen", das in Schweden vorab ausgekoppelt wurde, spielt alle Stärken der Band aus und geht noch einen Schritt weiter: Harte Rhythmik und kantiges Sampling schaffen eine Soundkulisse, die ebenso zu Emmas melodischen Vocals passt wie zu Gast-Rapperin Maxida Märak.

Der Song "Öppet hav" entstand ebenfalls mit prominenter Unterstützung: Garmarna konnten Joakim Thåström, in Schweden schon aufgrund seiner Arbeit mit den Punk- und Independent-Legenden Ebba Grön und Imperiet seit langem ein Kultstar, für ein Duett gewinnen.

"6" spannt einen breiten Bogen - von düsterem Rock bis zu beinahe poppigen Melodien, von elektronischer Härte bis zu akustischer Sanftheit. Dazu erzählen die schwedischen Texte von mythischen Figuren wie dem großen Vogel in "Väktaren", der wachsam auf majestätischen Schwingen über Land und Meer gleitet, aber auch vom Hass und Gewalt in der heutigen Gesellschaft wie in "Över gränsen", von Liebesleid und Fenstergeistern oder von dem geschlagenen Sohn in "Ingen", der als Erwachsener an seinem Vater Rache nimmt. Mit "Ett dolt begär" hat Garmarna eine alte Ballade aus Hammerdal bearbeitet, den Text erweitert und musikalisch mit einer düsteren Note versehen, die passend zum Thema, dem heimlichen Begehren, Gefahr und Verzweiflung heraufbeschwört.

Die Vielfalt der Einflüsse macht es schwer, ein Etikett zu finden, das auf die Musik von Garmarna passt; ihre moderne, elektrifizierte Folklore spricht auch Hörer an, die mit dem traditionellen Folk-Begriff so gar nichts anfangen können. Die Band selbst beschrieb ihren Sound einst als "monoton, melodisch und melancholisch". Man möchte hinzufügen: innovativ und authentisch. Oder einfach: Garmarna.
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-Hildegard von Bingen (1098-1179) war visionäre Mystikerin und eine aussergewöhnliche und durchsetzungsfähige Frau. Manche gehen so weit zu behaupten: wäre sie ein Mann gewesen, hätte ihre künstlerische und intellektuelle Leistung Weltgeltung erlangt. Sie war ─btissin eines großen, blühenden Benediktinerklosters, bekannt aber auch als Predigerin, ─rztin, Wissenschaftlerin und Künstlerin, die Bücher zu den verschiedenen Sachbereichen verfasst hat. Ihr Werk umfasst weit mehr als die bekannt gewordenen Schriften über den heilenden Effekt von Kräutern. Sie dichtete und komponierte. Hildegard empfand sich als "Posaune" Gottes. In ihren Werken sind Wort und Musik gleichrangig. Beide Bereiche ergänzen sich zu einem Ganzen.

Die erste Bekanntschaft mit Hildegard von Bingen macht Garmarna im Frühling 1996. Während der Aufnahmen zu "Guds Spelemän" kommt ein Vorschlag von Göran Sjögren, Produzent bei der Kulturorganisation "Länsmusik", eine Tournee mit den Gesängen der ─btissin auf die Beine zu stellen. Hildegards Musik ist bis dahin keinem der Bandmitglieder ein Begriff gewesen, aber Göran Sjögren schickt der Band einige Platten. Einige vage Versprechungen werden gemacht. Dann wird das Ganze auch prompt vergessen. Das Leben geht weiter.

1998 wird weltweit Hildegards 900. Geburtstag begangen und plötzlich meldet sich die Kulturorganisation wieder - dieses Mal mit der Nachricht, dass eine Tournee in Verbindung mit dem Jubiläum geplant sei. - Ein wenig Panik stellt sich ein. Stefan beginnt einige verbindende Passagen und Refrains zu schreiben, während sich Emma Härdelin mit den lateinischen Liedtexten herumschlägt. Garmarna probt und arrangiert. Man sitzt viele Stunden schweigsam herum und starrt sich an. Alle zweifeln daran, dass es klappen würde. Erst am Tag vor dem Konzert steht alles. Und es kommt doch noch zu der Tournee, die Band tritt größl;tenteils in Kirchen auf und ist am Ende doch ganz zufrieden.

Aber Hildegard ist noch nicht fertig mit Garmarna. Oder ist Garmarna nicht fertig mit Hildegard? Wie auch immer: Auf das Album "Vedergällningen" drängt sich eine Version von "Euchari". Irgendwie ist es damit noch nicht getan. Garmarna - oder ob es nicht doch Hildegard ist? - will mehr. Und es wird eine ganze CD. Kurz und gut: Garmarna - "Hildegard von Bingen".

Produziert von Erik S. Sidelake, Schwedens Houseking 2001. Das auf dem Papier ungleiche Paar Erik S. und Garmarna hat sich gesucht und gefunden. Garmarna hat mit Hildegard von Bingen und Erik S. als Produzenten einen Schritt in einen neue, vielversprechende Richtung getan. Die Band beweist wieder einmal, dass sie eine der interessantesten ist, die Schweden zur Zeit zu bieten hat.